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Was können Apps für Blinde im Alltag?

Liebe Leser,

sie wird auch als “Schweizer Taschenmesser für Blinde” bezeichnet: Die auf KI basierende App “Seeing AI” gibt es jetzt auf Deutsch. Die Experten vom Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund sehen aber Nachholbedarf – vor allem in einem Bereich.

Sie wird auch als “Schweizer Taschenmesser für Blinde” bezeichnet: Die auf KI basierende App “Seeing AI” gibt es jetzt auf Deutsch. Die Experten vom Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund sehen aber Nachholbedarf – vor allem in einem Bereich.
Sie kann Texte vorlesen, soll Gesichter erkennen können und welchen Geldschein man gerade in der Hand hält: Die Microsoft-App “Seeing AI” nutzt künstliche Intelligenz und soll sehbehinderte oder blinde Menschen in ihrem Alltag unterstützen. Seit dieser Woche gibt es die kostenlose App, die 2017 von dem Londoner Saqib Shaikh entwickelt wurde, unter anderem auch auf Deutsch.

Shaikh, der mit sieben Jahre erblindete, sagte dem Internetportal Futurezone.at, dass er die App – die bisher nur für iOS verfügbar ist – vor allem für sich selbst wollte. Gleichzeitig sei es aber schon immer sein Traum gewesen, “Technologien für etwas Positives einzusetzen und zu entwickeln.”

Ist die App ein wirklicher Helfer im Alltag?
Christian Schöpplein ist Informatiker und arbeitet ehrenamtlich beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes e. V. (BBSB) in München. Er kennt “Seeing AI”, setzt sie aber kaum ein. “Es ist praktisch, wenn man alleine ist und keine Hilfe hat. Wenn ich mit jemanden zusammen bin, frage ich aber lieber Leute als die App”, sagt Schöpplein, das gehe oft auch schneller.
Viele würden die App für Texterkennung nutzen, meint Schöpplein, der im Alter von 15 Jahren blind wurde. Er sehe die App mehr als ein Art nettes Gimmick.
“Um den Absender eines Briefs zu erkennen, nutze ich die App schon mal. Ich würde mich aber nie darauf verlassen, wenn es zum Beispiel um eine Überweisung geht.” Christian Schöpplein, Informatiker
Schöpplein hat mehrere Apps aus dem Blindenbereich, die er regelmäßig nutzt. Eine davon ist “Be my eyes” eine App, bei der sehende Menschen sich als Helfer anmelden können, um Blinden per Videochat in Alltagssituationen zu helfen. “Da sitzt keine KI am anderen Ende, sondern ein echter Mensch, das ist schon schöner und man kann sich auch mehr darauf verlassen”, meint Schöpplein.

App als Entlastung in Beziehungen
Ähnlich sieht es Aleksander Pavkovic. Er arbeitet im BIT-Centrum des BBSB und ist seit Geburt blind. Pavkovic nutzt “Seeing AI” seit zwei Jahren, aber für ihn ist das nur eine App unter mehreren. “Seeing AI biete solide Grundfunktionen und ist interessant bei Produktverpackungen, aber um Texte vorzulesen, nutze ich andere Apps – zum Beispiel Textgrabber oder Voice Dream Scanner.”
Generell findet Pavkovic, sollten Blinde oder sehbehinderte Menschen auf verschiedene Apps setzen. “Wenn mal eine App nicht funktioniert oder der Dienst nicht verfügbar ist, ist man nicht direkt wieder isoliert.” Denn die Selbstständigkeit, die Blinde durch die Apps im Alltag erhalten, sei sehr wichtig. Zudem könnten die technischen Helfer auch die zwischenmenschliche Beziehung etwas entlasten: Wenn derjenige, der Hilfe benötigt, auch mal auf eine KI-gesteuerte Assistenz zurückgreifen kann. “Da bleibt mehr Zeit für das ‘normale’ Miteinander”, sagt Pavkovic.

KI als Chance für Blinde und Sehbehinderte
Dass blinde und sehbehinderte Menschen für Microsoft und andere Unternehmen im Bereich der KI eine Art Versuchskaninchen sind, findet Pavkovic nicht schlimm. Er sei sich darüber im Klaren, dass diese Apps nicht rein humanitäre Zweck hätten.
“Wir sind einfach eine große Gruppe von Leuten. Die Hersteller können sozusagen am lebenden Beispiel testen, was KI alles kann. Aber nur so kann KI auch besser werden – deswegen finde ich das völlig in Ordnung.” Aleksander Pavkovic, BBSB
Christian Schöpplein sieht das nicht viel anders. Objekterkennung sei ein wichtiges Thema im Bereich KI. Microsoft habe mit der App vermutlich soziales Engagement zeigen wollen und gleichzeitig das Thema KI damit verknüpft. “Da werden über die App Erfahrungen gesammelt, um diesen Bereich noch zu verbessern – nicht in der App, sondern vermutlich in der Forschung. Aber ich finde es okay, da eine Art Testperson zu sein.”
Dass künstliche Intelligenz ein Helfer im Alltag von Blinden sein kann, davon ist Schöpplein überzeugt. “Ich glaube, dass das irgendwann ein riesengroße Bereicherung für uns sein wird.” Er hofft, dass er sich als Blinder irgendwann mal in ein Auto setzen und sagen kann: “Fahr mich zur Arbeit.”

Nachholbedarf bei Navigation im Alltag
Allgemein würden Apps als Alltagshelfer für Blinde und Sehbehinderte schon viel genutzt, ist Pavkovics Erfahrung – auch aus seiner beratenden Tätigkeit beim BBSB. Er sieht allerdings noch viel Nachholbedarf, wenn es darum geht, im Alltag zu Fuß unterwegs zu sein. “Wenn ich im Kino bin und mal kurz aufstehe, wäre es toll, wenn mich eine App wieder genau an meinen Platz zurückführen könnte”, sagt Pavkovic.
Schöpplein sieht dieselben Schwachstellen. Zum Navigieren seien die Kartendienste von Apple und Google zu ungenau – und auch wenn er als Blinder mal wandern gehen möchte, fehlten Angebote. Und auch in einer ganz normalen Alltagssituation wünscht er sich schon lange eine Lösung:
“Ich stehe oft an der Haltestelle und weiß nicht, welche S-Bahn oder welcher Bus gerade einfährt. Die Daten sind aber eigentlich da, sie müssten nur freigegeben werden, damit man sie entsprechend nutzen kann.” Christian Schöpplein, Informatiker
Schöpplein meint, man könne die S-Bahnen zum Beispiel mit einem kleinen Sender ausstatten, der ihm aufs Handy pusht: “Ich bin die S7″. In solchen Situationen finde er nur schwierig Hilfe. “Die Leute rennen meistens alle ganz schnell durcheinander und niemand hat Zeit.”

https://www.br.de/nachrichten

Die Audiobrille für Hörgeschädigte

Liebe Bloggemeinde

Man nennt es den Cocktailparty-Effekt: Menschen mit gesundem Gehör sind problemlos in der Lage, sich auch in Umgebungen mit vielen gleichzeitig redenden Personen auf ihren Gesprächspartner zu konzentrieren. Dazu unterdrückt das Gehirn andere Schallquellen automatisch und die wichtigen Schallanteile werden zwei- bis dreifach so laut wahrgenommen.

Bislang stellt die korrekte Fokussierung die Tonaufnahmetechnik vor Probleme. So lassen sich Schallquellen nur mit räumlich getrennten Mikrofonen annähernd sauber separieren. Deshalb können Menschen mit Hörgeräten in bestimmten Umgebungen nur mit großen Schwierigkeiten und ernormer Konzentration kommunizieren – die Geräte sind schließlich auch nur normale Mikrofone.

Das israelische Unternehmen Orcam, das bereits eine Vorlesebrille für Sehgeschädigte produziert, zeigte auf der CES 2020 in Las Vegas mit dem Hear erstmals eine Lösung für dieses Problem. Eine winzige Kamera, die um den Hals getragen werden kann, nimmt das Gegenüber auf und verarbeitet die Bilder in Echtzeit per Gesichtserkennungs-KI. Die Software versucht dann, durch Lippenlesen und die Interpretation von Gesten den aktuellen Gesprächspartner zu ermitteln und verstärkt lediglich dessen Schall.

Über Bluetooth wird eine Verbindung zum Hörgerät aufgebaut, um den Ton zu übertragen. Das Hear ist dabei nur ein Zusatzgerät, das in bestimmten Situationen die vorhandenen Hörhilfe unterstützt. Das Gerät arbeitet offline und ein Firmenvertreter von Orcam versicherte uns, dass es keinerlei internen Speicher besitze, aus dem Daten ausgelesen werden könnten. Da Deutschland nach den USA den zweitgrößten Markt für das Unternehmen darstelle, sei man daran interessiert, das Hear noch in diesem Jahr in den Handel zu bringen. Einen Preis konnte uns Orcam noch nicht nennen, da man sich zur Zeit in Gespräch mit Hörgeräteherstellern und Versicherungen befinde.

Orcam wurde 2010 von den Gründern des Fahrassistenz-Startups Mobileye ins Leben gerufen. Intel kaufte Mobileye im Jahr 2017 für über 15 Milliarden US-Dollar.

Quelle: Golem.de